„Die größten Familienunternehmen in Deutschland“

Die größten Familienunternehmen in Deutschland

Im Rahmen der IfM-Studienreihe „Die größten Familienunternehmen in Deutschland“ hat das IfM Bonn im Frühjahr 2017 zum achten Mal eine Befragung  von rund 312 der mehr als 4.500 größten Familienunternehmen durchgeführt. Der diesjährige Schwerpunkt des zweiten Chartbooks liegt auf dem Themenbereich Digitalisierung.

Familienunternehmertum zwischen Tradition und Innovation

Familienunternehmer gelten als besonders verantwortungsbewusst im Hinblick auf den Erhalt und die Übertragbarkeit der ideellen Werte einerseits und der in den vorangegangenen Generationen erwirtschafteten Vermögenswerte andererseits. Familienunterneherm sind der Tradition verbunden und der Innovation verpflichtet. Sie wirtschaften immer mit dem Blick auf die nächste Generation.

Stand der Digitalisierung in Familienunternehmen

In diesem Jahr geht es uns darum, den Stand der Digitalisierung in den größten Familienunternehmen zu erfassen. Die Bedeutung der Digitalisierung ist daher in vielen großen Familienunternehmen längst angekommen. Gleichzeitig sind manche Familienunternehmen bei der konkreten Umsetzung, sei es durch eine intensivere Vernetzung mit Lieferanten und Kunden, durch das Angebot internetfähiger Produkte oder die Verwendung sogenannter cyber-physischer Systeme, noch zögerlich. Die Ergebnisse belegen: Beim Einsatz dieser digitalen Technologien ist noch Luft nach oben. Hemmnisse in den Unternehmen selbst, aber auch schlechte digitale Infrastruktur oder Bedenken hinsichtlich der IT-Sicherheit bremsen in einigen Familienunternehmen wie im übrigen Mittelstand auch die Digitalisierung.

Ein klares JA zu Europa

Im Jahr der Bundestagswahl wurde auch danach gefragt: Was wünschen sich die größten Familienunternehmen von der nächsten Regierung? Für mich nicht überraschend konnte ein klares Bekenntnis der Familienunternehmen zu Europa festgestellt werden. Der Binnenmarkt ist ihr wichtigster Absatzmarkt und daher wollen die Familienunternehmen ein stabiles und geeintes Europa.

Hoher Nutzen der Digitalisierung weithin anerkannt

Über alle Branchen hinweg messen die großen deutschen Familienunternehmen – drei von vier (72,6 %) – der Digitalisierung mehrheitlich eine (sehr) hohe Bedeutung bei. Handelsunternehmen sehen sich dabei in besonderem Maße gefordert. Durch die hohe Verfügbarkeit und Transparenz digitaler Angebote befinden sie sich bereits seit Jahren in einem überdurchschnittlich dynamischen Digitalisierungsumfeld.

Nur 4 von 10 Unternehmen sehe sich gut aufgestellt

Allerdings sehen sich nur sechs von zehn Unternehmen (58,8 %) bestenfalls mittelmäßig aufgestellt. Vor allem der Handel scheint hier Handlungsbedarf erkannt zu haben. Trotz der hohen Bedeutung der Digitalisierung für ihr Unternehmen sehen sich nur vier von zehn (39,2 %) gut oder sehr gut aufgestellt.

Unterschiedliche Nutzung der Potentiale

Interessant sind die unterschiedlichen Potentiale, die Unternehmer in der Digitalisierung für sich sehen; Mittels einer Clusteranalyse lassen sich die Unternehmen hinsichtlich ihrer Nutzenstruktur in vier Typen einteilen:

  1. Interne Optimierer: Die größte Gruppe der Familienunternehmen nutzt die Digitalisierung im Wesentlichen zur Optimierung interner Abläufe.
  2. Vernetzte Allrounder: Mehr als jedes vierte Unternehmen generiert hingegen vor allem Mehrwerte aus der direkteren bzw. effizienteren Vernetzung mit Lieferanten und Kunden.
  3. Kundenorientierer: Einen zentralen Nutzen sieht jedes sechste Unternehmen vor allem im direkteren Zugang zum Kunden.
  4. Produktentwickler: Jedes achte Unternehmen schöpft den größten Nutzen aus der Entwicklung neuer Geschäftsmodelle sowie neuer Produkte und Dienstleistungen.

Fehlendes Wissen der Mitarbeiter als Hemmschuh

Die größten Familienunternehmen werden bei der Digitalisierung vor allem von unternehmensinternen Faktoren gehemmt: Vier von zehn Unternehmen benennen das fehlende Know-how der Mitarbeiter als zentrales Hemmnis (43,4 %). Dahinter rangieren Schnittstellenprobleme (36,9 %), Bedenken hinsichtlich der IT-Sicherheit (35,7 %) sowie Veränderung der Unternehmenskultur (34,6 %). Nur jedes 7. Unternehmen nimmt hingegen externe Berater in Anspruch.

Leistungsfähige Breitbandversorgung fehlt

Familienunternehmen brauchen für eine erfolgreiche Digitalisierung gigabitfähige Breitbandversorgung am heimischen Standort. So wird die Verfügbarkeit der digitalen Infrastruktur von fast jedem dritten großen Familienunternehmen als Hürde für die eigene Digitalisierung genannt (31,6 %). Es gilt daher, Maßnahmen zu ergreifen, die den Breitbandausbau zügig vorantreiben.

Interesse an digitalen Produkten wächst

Die größten deutschen Familienunternehmen nutzen die Digitalisierung nicht nur dazu, die Effizienz entlang der Wertschöpfungskette zu steigern und Kosten zu senken. Sie nutzen den verbesserten Zugang zu mehr Information oftmals auch zur Entwicklung kundenspezifischer Produkte als Garant für mehr Unternehmenswachstum. Allerdings scheint hier noch sehr viel Luft nach oben zu sein. So verfügen erst drei von zehn Unternehmen (30,0 %) über smarte Produkte. Jedes Zwölfte (8,4 %) plant die Herstellung eines internetfähigen Produktes in den kommenden drei Jahren. Mehr als die Hälfte der Unternehmen mit smarten Produkten (53,6 %) erzielt bereits Umsätze mit Dienstleistungen an diesen Produkten.

It-Sicherheit und Datenschutz sind beherrschende Themen

Unternehmen, die bereits (sehr) gut aufgestellt sind, sehen Hemmnisse tendenziell eher in Bereichen, bei denen es um die konkrete Umsetzung der Digitalisierung geht. Dies sind etwa Bedenken hinsichtlich der IT- und Datensicherheit, der Verfügbarkeit der digitalen Infrastruktur sowie der rechtlichen Rahmenbedingungen. Im Gegensatz zu den schlechter aufgestellten Unternehmen spielen somit externe, vom Unternehmen nicht zu beeinflussende Faktoren eine tendenziell bedeutendere Rolle.

Große Unternehmen gehen Digitalisierung strategischer an

Die großen Familienunternehmen, die eine konkrete Digitalisierungsstrategie verfolgen, fühlen sich im Hinblick auf die zunehmende Digitalisierung deutlich besser aufgestellt als solche, die keine besitzen. Aktuell sind es vor allem große Familienunternehmen mit 1.000 und mehr Mitarbeitern (63,6 %) und Unternehmen des Dienstleistungssektors (63,2 %), die über eine solche Strategie verfügen. Auch Unternehmen, die dem Nutzentyp „Produktentwickler“ zuzurechnen sind (79,4 %), und solche, die bereits über smarte Produkte im eigenen Sortiment verfügen, weisen vergleichsweise häufig eine Strategie aus. Kleine Unternehmen mit weniger als 250 Mitarbeitern (43,4 %) und Industrieunternehmen (46,1 %) fehlt dagegen bisher häufig eine solche Digitalisierungsstrategie.

Digitalisierung braucht qualifiziertes Personal

Neben einem hohen Investitionsbedarf erfordert die zunehmende Digitalisierung qualifiziertes Person. Die größten Familienunternehmen sind sich der Bedeutung ihrer Mitarbeiter im Digitalisierungsprozess bewusst: Die Veränderungen, die mit der zunehmenden Digitalisierung einhergehen, werden im Wesentlichen in den Bereichen Personalentwicklung und Personalgewinnung gesehen. Mehr als jedes Dritte von ihnen weiß, dass die Digitalisierung nur mit qualifiziertem Personal möglich ist. So sind die weitere Qualifizierung der Belegschaft sowie die Rekrutierung von Fachkräften unumgänglich. Nur wenige sehen die Gefahr, dass die Mitarbeiter durch die neuen technologischen Möglichkeiten ersetzt werden. Vielmehr gehen sie davon aus, dass diese die Mitarbeiter bei der täglichen Arbeit unterstützen.

Fazit: Eine Studie macht Lust auf mehr Digitalisierung

Eine kurze und prägnante Darstellung der gewonnenen Erkenntnisse sowie eine gute und sehr übersichtliche Visualisierung machen diese Studie lesenswerts. Die positive Haltung zur Digitalisierung sowie die optimistische Einschätzung der nahen Zukunft durch die meisten der großen Familienunternehmen stimmt insgesamt zuversichtlich. Allerdings zeigt die Studie auch, dass die kleinen und mittleren Unternehmen aufschließen müssen, wollen sie nicht den Anschluss verlieren. Und auch wenn die großen Unternehmen eine Digitalisierungsstrategie bereits aus eigener Kraft entwickelt hat und deren Umsetzun verfolgt, sollten die kleinen Unternehmen nicht zögern, qualifizierte Beratung in Anspruch zu nehmen.

Quelle: Löher, J.; Schlepphorst, S. (2017): Die größten Familienunternehmen in Deutschland – Unternehmensbefragung 2017: Digitalisierung, im Auftrag der Deutsche Bank AG und des Bundesverbands der Deutschen Industrie e. V. (BDI), Berlin/Frankfurt 2017, Frühjahrsbefragung_2017_Chartbook_I_Digitalisierung, veröffentlicht im Frühjahr 2017 https://www.ifm-bonn.org/ (24.09.2017)